Heinrich Heine
1797-1856
»Die Freiheit der Meinung setzt voraus, daß man
eine hat.« Heinrich Heine
Gedicht
Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.
Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;
Wie gelbe Seide das Lockenhaar,
Die Augen sanft wie Mondschein.
Den lispelnd westfälischen Akzent
Vernahm ich mit Wollust wieder.
Viel süße Erinnerung dampfte der Punsch,
Ich dachte der lieben Brüder,
Der lieben Westfalen, womit ich so oft
In Göttingen getrunken,
Bis wir gerührt einander ans Herz
Und unter die Tische gesunken!
Ich habe sie immer so liebgehabt,
Die lieben, guten Westfalen,
Ein Volk, so fest, so sicher, so treu,
Ganz ohne Gleißen und Prahlen.
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Wie standen sie prächtig auf der Mensur
Mit ihren Löwenherzen!
Es fielen so grade, so ehrlich gemeint,
Die Quarten und die Terzen.
Sie fechten gut, sie trinken gut,
Und wenn sie die Hand dir reichen
Zum Freundschaftsbündnis, dann weinen sie;
Sind sentimentale Eichen.
Der Himmel erhalte dich, wackres Volk,
Er segne deine Staaten,
Bewahre dich vor Krieg und Ruhm,
Vor Helden und Heldentaten.
Er schenke deinen Söhnen stets
Ein sehr gelindes Examen,
Und deine Töchter bringe er hübsch
Unter die Haube - Amen!
Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput
X .
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Biographie
Heinrich Heine wurde am 13. Dezember 1797 unter
dem Namen Harry Heine in der Bolkerstraße in Düsseldorf geboren.
Seine Familie war jüdisch. Sein Vater Samson Heine war Tuchwarenhändler,
seine Mutter Elisabeth van Géldern war eine gebildete Arzttochter.
Die drei Geschwister hießen Charlotte (*1800), Gustav (*1805) und
Maximilian (*1807).
| 1810 |
Besuch des Lyzeums Düsseldorf, das von katholischen Geistlichen
geleitet wird. Unterricht in Latein, Geographie, französischer
Literatur. |
| 1815 |
Er beginnt eine Lehre beim Bankier Rindskopf in Frankfurt am Main,
bleibt dort jedoch nur drei Wochen und wechselt dann für vier
Wochen zu einem Kolonialwarenhändler, hat jedoch auch hierfür
kein Talent. Schließlich erbarmt sich sein reicher Onkel Salomon
Heine, ein mehrfacher Millionär, und gewährt ihm eine zweijährige
Ausbildung in seinem Bankhaus Heckscher & Co in Hamburg. |
| 1817 |
Heinrich eröffnet mit Unterstützung des Onkels das Kommissionsgeschäft
Harry Heine & Co, macht allerdings innerhalb eines Jahres wegen
seiner fehlenden Begabung Bankrott.
Während seines Aufenthalts in Hamburg schrieb Heinrich bereits
viele Gedichte und Balladen, z.B. "Belsazar" und "Die Grenadiere",
sie werden später im "Buch der Lieder" veröffentlicht. |
| 1819 |
Er kehrt nach Düsseldorf zurück. Der Onkel ermöglicht
ihm ein Jurastudium, das er noch im selben Jahr in Bonn beginnt. Dort
hört er allerdings auch allgemeine Vorlesungen, z.B. über
Literatur, und er fühlt sich dabei vor allem von den Vorlesungen
von August Wilhelm Schlegel (1767- 1845) "Zur Geschichte der deutschen
Sprache" angezogen. |
| 1820/21 |
Er verbringt das Wintersemester in Göttingen,
muss es jedoch am 23. Januar abbrechen, da ihm vorgeworfen wird, an
einem Duell beteiligt gewesen zu sein. Am 4. April setzt er sein Studium
in Berlin fort. Hier besucht er außerdem den literarischen Salon
von Rahel Varnhagen, wo er unter anderem Bekanntschaft mit Hegel (1770-
1831) und Chamisso (1781- 1838) macht. |
| 1822 |
Er unternimmt eine Reise nach Polen. |
| 1824 |
Am 30. Januar wechselt er zurück nach
Göttingen, um sein Studium abzuschließen. Er macht
eine Reise nach Berlin und besucht Goethe (1749- 1832) in Weimar.
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| 1825 |
Am 28. Juni konvertiert er zum Protestantismus, allerdings nicht
aus religiöser Überzeugung, sondern wegen des zur Zeit herrschenden
Judenhasses. Er lässt sich auf den Namen Christian Johann Heinrich
taufen. Am 20. Juli schließt er sein Studium mit dem Examen
ab und zieht zu seinen Eltern, die zu dieser Zeit in Lüneburg
leben. Da er weder in Berlin noch in München eine Stellung findet,
wird er zum freien Dichter. Im Herbst macht er eine Wanderung über
den Harz, daraus entsteht die "Harzreise".
|
| 1826-30 |
Er reist viel umher, unter anderem nach England (1827), Italien
(1828) und nach Helgoland (1829, 30). Von Herbst 1827 bis Mitte 1828
lebt er in München und ist dort als Redakteur bei den "Neuen
Allgemeinen Politischen Annalen" tätig. |
| 1827 |
Das "Buch der Lieder" erscheint und macht ihn populär. |
| 1828 |
Am 2. Dezember stirbt sein Vater Samson und er besucht die Familie
in Hamburg. |
| 1830 |
Während eines Aufenthalts auf Helgoland im Hochsommer erreicht
ihn die Nachricht der Pariser Juli-Revulotion, die er mit Freude aufnimmt.
|
| 1831 |
Da ihm die politischen Zustände in Deutschland immer weniger
zusagen, entscheidet er sich, als Korrespondent für die Augsburger
"Allgemeine Zeitung" nach Paris zu gehen. Er verlässt Deutschland
am 1. Mai und trifft zwei Tage später in Paris ein, wo er jedoch
einsehen muss, dass er die Juli-Revolution überschätzt hat.
In Paris nennt er sich Henri und trifft im Laufe der Zeit Balsac,
Berlioz, Chopin, Duncas, Victor Hugo, Liszt, Gérard de Nerval
und George Sand. Er schreibt Artikel über französisches
Geistesleben, französische Politik, französische Maler,
Theater, Konzerte von Liszt und Chopin. |
| 1833 |
Die deutschen Zensurbehörden bewegen Heine dazu, seine Berichterstattung
für die Augsburger "Allgemeine Zeitung" einzustellen. |
| 1834 |
Heinrich lernt seine spätere Frau Mathilde kennen. |
| 1835 |
Der Deutsche Bundestag verbietet am 10. Dezember Heines Schriften.
|
| 1836 |
Aufgrund finanzieller Probleme muss er die Ehrenrente der französischen
Regierung beantragen. |
| 1841 |
Heinrich heiratet am 31. August Crescentia Eugenie (Mathilde) Mirat
(1815- 1883), eine Schuhverkäuferin, in der Kirche Saint- Sulpice.
|
| 1843 |
Er unternimmt eine Reise nach Hamburg, gegen Ende des Jahres lernt
er Karl Marx (1818- 1883) kennen, mit dem er sich anfreundet und dessen
Ideen er gut findet. |
| 1844 |
Letzter Besuch in Hamburg, daraufhin entsteht "Deutschland.
Ein Wintermärchen". Sein Onkel Salomon stirbt, ein belastender
Erbschaftsstreit beginnt. Im folgenden arbeitet er an von Karl Marx
gegründeten "Deutsch- Französischen- Jahresbüchern"
mit. |
| 1846 |
Er schreibt sein erstes Testament. |
| 1848 |
Erkrankung an Rückenmarksschwindsucht, nach kurzer Zeit ist
er an seine "Matratzengruft" gefesselt, setzt seine schriftstellerische
Arbeit jedoch fort, es entstehen unter anderem "Romanzero" und "Das
Buch Lazarus". |
| 1851 |
Sein zweites Testament entsteht. |
| 1855 |
Beginn seiner Freundschaft mit Elise Krienitz (Mouche), seiner letzten
Liebe. |
| 1856 |
Am 17. Februar stirb er in der Avenue Matignon 3 und wird am 20.
Februar auf dem Montmatre-Friedhof beerdigt. |
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Geschichtlicher Hintergrund
Bis
zum Jahr 1813 stand Deutschland unter der Herrschaft Napoleons. Heine
äußerte sich in einer seiner späteren Schriften über
seine Sicht Napoleons: Er sehe in ihm einerseits einen Verbreiter der
französischen Revolution von 1789, andererseits lehne er sein Kaisertum
entschieden ab.
Als im Februar 1813 die Befreiungskriege begannen, versprachen die Fürsten
den Soldaten, die zum Teil aus rekrutierten Studenten bestanden, dass
sie nach dem Krieg eine Verfassung und mehr Mitbestimmungsrecht erhalten
sollten. Im Herbst 1814 begann der Wiener Kongress, der sich mit der Neuordnung
Europas beschäftigte. Sein Ziel bestand darin, einen zweiten Napoleon
zu verhindern und den Frieden in Europa dauerhaft zu sichern. Er verfolgte
jedoch eine stark restaurative Politik, Europa sollte wieder so werden
wie vor Napoleon, es wurden nur einige Änderungen gemacht, um große
Staaten an Frankreichs Grenzen zu haben. Frankreich wurde wieder eine
Monarchie. Auch Deutschland sollte wieder zum Heiligen Römischen
Reich Deutscher Nation vereinigt werden, es stellte sich jedoch heraus,
dass Napoleons System besser war und so wurde der Deutsche Bund geschaffen,
der aus 35 Kleinstaaten und den vier freien Reichsstädten (Frankfurt,
Hamburg, Bremen und Lübeck) bestand. Die Staaten waren monarchisch,
hatten jedoch Vertreter in den Bundestag nach Frankfurt geschickt, wo
gemeinsame Gesetze erlassen wurden.
Die Studenten, von denen viele an den Befreiungskriegen beteiligt gewesen
waren, waren von den Ergebnissen des Wiener Kongresses enttäuscht,
sie hatten gehofft, dass die Fürsten ihre Versprechungen, den Bürgern
eine Verfassung und mehr Mitbestimmung zu geben, einlösen würden,
was jedoch nicht geschah. Deshalb gründeten sie Burschenschaften
und kritisierten gemeinsam die Restaurationspolitik und forderten ein
einheitliches Deutschland. In der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 1817
versammelten sich einige hundert Studenten auf der Wartburg, wo sie gegen
die Restaurationspolitik demonstrierten und Bücher verhasster Schriftsteller
verbrannten.
Nachdem radikale Studenten den Schriftsteller August von Kotzebue und
einen Regierungspräsidenten ermordet hatten, wurden im August 1819
die Karlsbader Beschlüsse erlassen, die die Auflösung der Burschenschaften,
die Überwachung der Universitäten und die Einschränkung
der Pressefreiheit herbeiführten.
Heinrich Heine hatte sich nur wenig an den Burschenschaften beteiligt
und war sehr enttäuscht von ihnen, denn ihm genügten ihre Forderungen
nicht.
Die Julirevolution im Jahre 1830 in Frankreich löste in Deutschland
nur wenig Unruhe aus. Der Grund für diese Revolution waren neue restaurative
Gesetze, die unter anderem die Pressefreiheit einschränkten. Heinrich
Heine hoffte, dass nach der Revolution eine neue Epoche beginnen würde,
glaubte jedoch nicht, dass die Deutschen dem französichen Beispiel
folgen würden. Deshalb verließ er Deutschland und ging nach
Paris. Dort jedoch musste er erkennen, dass er die Revolution zu euphorisch
eingeschätzt hatte und dass das Volk durch sie nichts gewonnen hatte.
Ausgelöst durch eine Missernte im Jahr 1846 und die starke Unterdrückung
in Deutschland, bedeutete die Revolution im Februar 1848 ein kurzzeitiges
Ende der Demokratie. Intellektuelle und Bürger versammelten sich
in der Paulskirche und erarbeiteten eine Verfassung. Als sie jedoch dem
preußischen König die Krone für Deutschland anboten und
dieser sie ablehnte, weil er nicht an die Verfassung gebunden sein wollte
und keine Krone "aus der Gosse" wollte, brach die Revolution in sich zusammen.
Deutschland unterlag wieder den reaktionären Kräften.
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Absichten und Überzeugungen
Heinrich Heine gehörte in seinen ersten Gedichten der Romantik an,
später ging er in den Realismus über, so z.B. in den Reisebildern,
in denen oft genaue Natur- und Lebensbeschreibungen zu finden sind. Schließlich
fanden auch politische Themen Einzug in seine Gedichte. Er orientierte
sich an den Ideen der französischen Revolution, die Freiheit und
Gleichheit für alle Menschen wollte. Er erkannte, dass auch in Deutschland
eine Revolution notwendig war, wenn sich diese Ideen dort verwirklichen
sollten. Desweiteren arbeitete er daran, das Deutsch-Französische
Verhältnis zu verbessern, was er in seinem Testament von 1851 als
eine seiner Lebensaufgaben bezeichnet. Heinrich Heine war ein Kosmopolit,
und er sah sowohl Frankreich als auch Deutschland als Quelle einer neuen
Epoche. Er wusste, dass ein Krieg für beide Länder schwerwiegende
Folgen haben würde und es lag ihm alles daran, einen solchen Krieg
zu verhindern. Als größte Gefahr sah er dabei den Nationalismus
an. In seinen späteren Schriften kritisierte er immer wieder die
restaurative Politik in Deutschland, meistens auf eine stark ironische
Weise. Dies führte natürlich zu unvermeidbaren Konflikten mit
der Zensur. Nach seinem Werk "Zur Geschichte der Religion und Philosophie
in Deutschland" wurden seine Werke endgültig vom Deutschen Bundestag
verboten. Dieses Werk, indem er unter anderem darlegte, dass die Ideen
für eine Revolution in Deutschland schon seit Hegel vorhanden waren,
wurde von der Zensur als ein Angriff auf die christliche Religion und
die soziale Ordnung verurteilt. Durch diese moralische Diffamierung sollte
eine weitere Diskussion über seine Ideen verhindert werden. Inzwischen
waren nämlich fast alle seine Werke zu "getarnten" politischen Stellungnahmen
geworden, verkleidet durch eine ausgezeichnete lyrische Form, in der die
Kritik durch beißende Ironie aufgezeigt wurde. Ein Beispiel dafür
ist "Deutschland. Ein Wintermärchen".
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Werke
"Reisebilder", 1826-31
Reiseberichte, "Harzreise"
"Buch der Lieder", 1827
Enthält verschiedene Gedichte, unter anderem "Loreley" und "Belsazar".
Das Gedicht "Loreley" lehnt sich an eine Sage von Clemens von Brentano
an und zählt zu Heinrich Heines bekanntesten Gedichten. Es wurde
1837 von Friedrich Silcher vertont.
Das Gedicht "Belsazar" lehnt an die Geschichte des Königs Belsazar
aus der Bibel (Buch Daniel, 5. Kapitel) an.
"Lutezia"
Enthält eine Zusammenfassung seiner politischen Berichte für
die Augsburger "Allgemeine Zeitung".
"Die Memoiren des Herrn Schnabelewopski", 1834
Witzige Schilderung eines erfundenen Lebenslaufes, in den Heine auch eigene
Erlebnisse eingebaut hat.
"Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland", 1834
"Die romantische Schule", 1836
"Ludwig Börne", 1840
"Atta Troll. Ein Sommernachtstraum.", 1843
Schildert die Jagd auf den Bären Atta Troll, mit vereinzelten, ironischen
Anspielungen auf Personen aus Heines Zeit.
"Deutschland. Ein Wintermärchen.", 1844
Heinrich Heine beschreibt eine Reise nach Hamburg, voll von beißender
Kritik an den politischen Zuständen in Deutschland.
"Romanzero", 1851
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Quellenverzeichnis
Text+ Kritik: Heinrich Heine
Zeitschrift für Literatur, Heft 18/19
edition text+kritik GmbH
Treffpunkte, Lesebuch für das 10. Schuljahr
Schroedel Schulbuchverlag, 1992
Erläuterungen zu Heinrich Heine - Deutschland. Ein Wintermärchen.
C. Bange Verlag, 1982
Heinrich Heine, Sämtliche Schriften, Band 4
Carl Hanser Verlag München, 1971
dtv-Lexikon Band 8
dtv 1966
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